Wie studiert man die Bibel?

Kurze Antwort

Die Bibel studieren heißt, langsam zu lesen und drei Fragen zu stellen: Was steht im Text, was bedeutete er für die ersten Leser, und was ändert er in meinem Leben? Beginnen Sie mit Gebet, lesen Sie jede Stelle im Zusammenhang, lassen Sie die Schrift die Schrift auslegen und tun Sie, was Sie erkannt haben.

Die Bibel lesen und die Bibel studieren ist nicht ganz dasselbe. Beim Lesen folgen wir der Erzählung. Beim Studieren werden wir langsamer und fragen, was ein Abschnitt sagt, was er bedeutet und was er von uns will. Genau dazu ermutigte Paulus den Timotheus:

Befleißige dich, Gott dich zu erzeigen als einen rechtschaffenen und unsträflichen Arbeiter, der da recht teile das Wort der Wahrheit.

2. Tim 2:15 · Luther 1912

Das Wort für das rechte Austeilen des Wortes bedeutet wörtlich „gerade schneiden“. John MacArthur vergleicht es mit der Genauigkeit eines Handwerkers, etwa eines Zeltmachers wie Paulus selbst: Ein nachlässiger Schnitt verdirbt die ganze Arbeit. Um so die Bibel zu studieren, muss man kein Gelehrter sein. Man braucht Zeit, Aufmerksamkeit und ein paar gute Fragen.

Beginnen Sie mit der Bitte um Licht

Bibelstudium beginnt mit Gebet, denn der, der uns die Schrift gegeben hat, schließt sie uns auch auf.

Öffne mir die Augen, daß ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.

Ps 119:18 · Luther 1912

MacArthur nennt diese Bitte vielleicht das beste Gebet, das jemand sprechen kann, der die Schrift studiert: Sie gibt die eigenen Grenzen zu und vertraut der Weisheit des göttlichen Autors. Carl Heinrich Rieger bemerkt, dass Gottes Wort uns gerade dadurch ins Gebet treibt, dass es unsere Mängel aufdeckt. Die Schrift stammt aus Gottes Geist (2. Timotheus 3:16), darum bitten wir ihren Urheber um Verständnis.

Beobachten: Was steht im Text?

Der erste Schritt ist, einfach zu sehen, was dasteht. Als Paulus in Beröa predigte, nahmen die Zuhörer seine Lehre weder blind an noch wischten sie sie beiseite. Sie prüften sie an der Schrift:

Diese aber waren edler denn die zu Thessalonich; die nahmen das Wort auf ganz willig und forschten täglich in der Schrift, ob sich’s also verhielte.

Apg 17:11 · Luther 1912

Matthew Henry hebt hervor, dass die Beröer das Gehörte mit dem Gelesenen verglichen und dass die Lehre Christi eine solche Prüfung nicht zu fürchten braucht. Rieger fügt hinzu, dass sich die Schrift nicht öffnet, wenn sich nicht auch das Herz öffnet.

Gutes Beobachten lebt von einigen Gewohnheiten:

  • Lesen Sie den ganzen Abschnitt, dann noch einmal. Achten Sie auf den Absatz oder das Kapitel um einen Vers herum und wenn möglich auf das ganze Buch. Ein aus dem Zusammenhang gerissener Vers lässt sich fast alles sagen.
  • Stellen Sie einfache Fragen. Wer spricht, und zu wem? Was geschieht? Welche Wörter wiederholen sich? Was gebietet, verspricht oder verbietet der Verfasser?
  • Schreiben Sie auf, was Sie sehen. Ein Notizbuch verlangsamt das Lesen und hilft, Einzelheiten zu bemerken.

Auslegen: Was bedeutete es?

Wenn Sie gesehen haben, was dasteht, fragen Sie, was der Verfasser seinen ersten Lesern damit sagen wollte. Als Esra dem aus dem Exil heimgekehrten Volk das Gesetz vorlas, halfen die Leviten den Leuten, es zu verstehen:

Und sie lasen im Gesetzbuch Gottes klar und verständlich, daß man verstand, was gelesen ward.

Neh 8:8 · Luther 1912

MacArthur hält es für möglich, dass dazu eine Übersetzung für jene gehörte, die im Exil nur noch Aramäisch sprachen. Wahrscheinlicher sei aber, dass die Leviten den Text in einfachen Worten erklärten. Gottes Wort will verstanden werden, und dabei dürfen wir uns helfen lassen.

Einige Grundsätze helfen:

  • Lassen Sie die Schrift die Schrift auslegen. Klare Stellen werfen Licht auf schwierige, und die Querverweise einer Studienbibel helfen, sie zu finden. Adolf Schlatter warnt davor, sich nur einzelne Lieblingsstellen herauszugreifen: Paulus wollte, dass sich die Gemeinde in die ganze Schrift vertieft.
  • Achten Sie auf die Art des Textes. Ein Psalm ist Dichtung, ein Gleichnis eine Geschichte mit einer Pointe, ein Brief antwortet auf echte Fragen einer Gemeinde. Jeder Text will auf seine Weise gelesen werden.
  • Lesen Sie im Licht Christi. Auf dem Weg nach Emmaus fing Jesus bei Mose und allen Propheten an und legte aus, was in der ganzen Schrift über ihn gesagt war (Lukas 24:27). Die ganze Bibel weist auf ihn hin.
  • Nutzen Sie gute Hilfsmittel. Ein zuverlässiger Kommentar, ein Bibellexikon und eine zweite Übersetzung sind wertvoll. Prüfen Sie sie am Text, statt den Text durch sie zu ersetzen.

Anwenden: Wie soll ich leben?

Das Studium ist nicht zu Ende, wenn wir einen Abschnitt verstanden haben. Jakobus warnt davor, auf halbem Weg stehen zu bleiben:

Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein, wodurch ihr euch selbst betrüget.

Jak 1:22 · Luther 1912

William MacDonald betont: Es nützt nichts, eine Bibel zu besitzen oder sie sogar als Literatur zu lesen, wenn wir uns nicht von ihr verändern lassen. Jakobus vergleicht den bloßen Hörer mit einem Mann, der flüchtig in den Spiegel schaut und gleich vergisst, wie er aussah (Jakobus 1:23–25). MacArthur erklärt, dass das Wort für den Blick in das Gesetz ein genaues, sorgfältiges Hinsehen meint, das Gegenteil eines flüchtigen Blicks.

Beenden Sie darum jedes Studium mit ehrlichen Fragen. Gibt es eine Sünde zu bekennen, eine Zusage, der ich trauen kann, ein Gebot, dem ich gehorchen soll, ein Vorbild, dem ich folgen kann? Schreiben Sie einen konkreten Schritt auf und beten Sie darüber.

Fangen Sie klein an: ein Abschnitt pro Woche, langsam gelesen mit diesen drei Fragen, genügt für den Anfang. Studieren Sie die Bibel, wenn möglich, auch mit anderen, so wie der äthiopische Kämmerer Philippus gern einlud, ihm den Propheten zu erklären (Apostelgeschichte 8:31). Wenn Sie gerade erst anfangen, lesen Sie Wo fange ich an, die Bibel zu lesen? Mit der Zeit wird aus Lesen Verstehen und aus Verstehen ein Leben, das von Gottes Wort geprägt ist.