Das Hohelied der Liebe (1. Korinther 13): Bedeutung
In 1. Korinther 13 beschreibt Paulus die Liebe, die Gott schenkt: geduldig mit Menschen, freundlich im Handeln, frei von Neid und Stolz und niemals aufgebend. Er schrieb an eine stolze, gespaltene Gemeinde, um zu zeigen, dass ohne Liebe selbst die größten Gaben nichts wert sind.
Das 13. Kapitel des ersten Korintherbriefs, das Hohelied der Liebe, ist vielleicht der bekannteste Text über die Liebe überhaupt. Es wird bei Hochzeiten vorgelesen und weit über die Kirche hinaus zitiert. Doch Paulus schrieb es nicht als Gedicht für Paare, sondern an eine Gemeinde mit großen Problemen. Dieser Hintergrund hilft zu verstehen, was „Die Liebe ist langmütig“ wirklich bedeutet.
Ein Wort zur Sprache: Langmütig heißt, nicht schnell zornig zu werden. Neuere Übersetzungen sagen hier meist einfach geduldig. Matthew Henry betont, dass Paulus nicht Almosen meint, sondern Liebe im vollsten Sinn: wahre Liebe zu Gott und zu den Menschen.
Ein Kapitel über Liebe in einem Brief über Gaben
Die Gemeinde in Korinth war reich an Gaben, aber zerstritten. Ihre Mitglieder bildeten Lager (1. Korinther 1:10–12), beneideten einander (1. Korinther 3:3) und waren aufgeblasen (1. Korinther 4:18). In den Kapiteln 12 bis 14 spricht Paulus über die geistlichen Gaben, die die Korinther sehr hoch schätzten, besonders das Zungenreden.
In Kapitel 12 erinnert Paulus daran, dass die Gemeinde ein Leib mit vielen Gliedern ist (1. Korinther 12:27). Dann verspricht er, ihnen einen noch besseren Weg zu zeigen (1. Korinther 12:31). Dieser Weg ist die Liebe.
Wenn ich mit Menschen – und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
1. Kor 13:1–3 · Luther 1912
Zungenrede, Prophetie, Erkenntnis, ein Glaube, der Berge versetzt, ja selbst das Verschenken aller Habe: Ohne Liebe ist das alles nichts. Carl Heinrich Rieger sieht im tönenden Erz ein Bild für Schein ohne Sein. Alles könne der Mensch hergeben und doch das Beste zurückhalten: „Eines aber muß er Selbst geben, und das ist seine Liebe.“ Kapitel 14 wendet das auf den Gottesdienst an und ruft die Gemeinde auf, vor allem nach der Liebe zu streben (1. Korinther 14:1).
Die Eigenschaften der Liebe, eine nach der anderen
Dann beschreibt Paulus, wie die Liebe ist.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.
1. Kor 13:4–7 · Luther 1912
William MacDonald zitiert dazu den Ausleger Hodge: Die Korinther waren ungeduldig, neidisch, aufgeblasen, selbstsüchtig, misstrauisch und empfindlich. Diesem Zustand stellt der Apostel die Merkmale wahrer Liebe gegenüber. Matthew Henry sagt, die Liste solle uns zeigen, ob wir diese Liebe haben – und wenn nicht, uns nicht ruhen lassen, bis wir sie haben.
- Geduld. Henry: Liebe kann Unrecht und Kränkung ertragen, ohne sich von Zorn und Rachsucht erfüllen zu lassen.
- Freundlichkeit. MacDonald nennt sie tätige Güte, die sich um das Wohl anderer kümmert.
- Kein Neid. Liebe freut sich, wenn andere gelobt und geehrt werden.
- Kein Prahlen, kein Hochmut. MacDonald: Alles, was wir haben, auch die Gaben des Geistes, ist Gottes Geschenk.
- Keine Taktlosigkeit. Liebe ist höflich und rücksichtsvoll.
- Nicht selbstsüchtig. Liebe fragt, was dem anderen hilft.
- Nicht jähzornig. Liebe erträgt Kränkung, statt aufzubrausen.
- Nachtragen liegt ihr fern. Rieger erklärt, dass die Liebe das Böse nicht aufrechnet, um nicht argwöhnisch zu werden und andere auf Abstand zu halten.
- Freude an der Wahrheit. John MacArthur: Liebe freut sich nicht über die Sünde anderer, nicht einmal über die eines Feindes.
- Niemals aufgeben. Liebe schützt, vertraut, hofft und hält stand.
Das letzte heißt nicht, dass Liebe naiv ist. Rieger schränkt ein: Sie glaubt und hofft alles, so weit es ohne Nachteil für den anderen geschehen kann und dem Frieden dient. MacDonald fügt hinzu, dass Liebe die Fehler anderer nicht unnötig bloßstellt, aber fest bleiben muss, wo Zucht nötig ist.
Langsam gelesen, macht diese Liste demütig. Jeder von uns war diese Woche ungeduldig, neidisch oder stolz. Gerade deshalb weist das Kapitel über uns hinaus.