Psalm 91: Text und Bedeutung („Er hat seinen Engeln befohlen“)

Kurze Antwort

Psalm 91 ist ein Lied des Vertrauens: Wer bei Gott zu Hause ist, kann Gefahren begegnen, ohne von Angst beherrscht zu werden, denn Gott ist seine Zuflucht und Burg. Der Psalm verspricht nicht, dass Gläubige nie leiden, aber dass Gott in der Not bei ihnen ist und sie am Ende rettet.

Psalm 91 beschreibt in starken Bildern, wie Gott die schützt, die Ihm vertrauen: Flügel, ein Schild, Engel, die uns auf Händen tragen. Carl Heinrich Rieger nennt ihn eine Ermutigung zum Vertrauen auf Gott in allem, besonders in Todesnöten. Hier ist, was der Psalm Abschnitt für Abschnitt sagt und wie man ihn gut liest.

Zur Zählung: In der Lutherbibel und den meisten heutigen Übersetzungen ist es Psalm 91. In der orthodoxen Tradition und in älteren katholischen Bibeln, die der alten griechischen Zählung folgen, ist derselbe Psalm Psalm 90.

Geborgen im Schutz des Höchsten

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

Ps 91:1–2 · Luther 1912

Die ersten Verse nennen das Thema des ganzen Psalms. Seine Zusagen gelten dem, der bei Gott wohnt, nicht dem, der nur in der Not bei Ihm vorbeischaut. Keil und Delitzsch erklären die Gottesnamen: Als der Höchste ist Er für jeden Feind unerreichbar, als der Allmächtige unbesiegbar. Der Glaube aber nennt Ihn bei Seinem Bundesnamen, Herr, und spricht von Ihm als seinem eigenen Gott.

Vers 2 macht aus einer allgemeinen Wahrheit ein persönliches Bekenntnis.

Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz. Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,

Ps 91:3–4 · Luther 1912

Die Schlinge des Vogelstellers ist eine verborgene Falle. William MacDonald versteht sie als den bösen Plan des Feindes, Unvorsichtige zu fangen; die Pest ist tödliche Krankheit. Matthew Henry deutet beide Bilder auch geistlich: Die Schlinge sind die Versuchungen Satans, die Seuche ist die Ansteckung der Sünde. Gegen all das deckt Gott die Seinen, wie ein Vogel seine Jungen deckt (5. Mose 32:11); dasselbe Bild gebrauchte Jesus von sich selbst (Matthäus 23:37). Der Schild ist Gottes Treue: Was Er verheißen hat, das tut Er auch.

Keine Angst bei Nacht und bei Tag

daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im Mittage verderbt. Ob 1000 fallen zu deiner Seite und 10,000 zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen. Ja du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen und schauen, wie den Gottlosen vergolten wird.

Ps 91:5–8 · Luther 1912

Nach Keil und Delitzsch spricht Vers 5 vom Krieg, von nächtlichen Überfällen und offenem Kampf am Tag, Vers 6 von der Seuche zu jeder Stunde. Selbst wenn Tausende ringsum fallen, wird der, der Gott vertraut, nur Zuschauer sein und sehen, wie das Böse vergolten wird. Henry hält das im Gleichgewicht: Weisheit bewahrt Gläubige vor grundloser Angst, der Glaube vor übermäßiger.

Denn der HERR ist deine Zuversicht; der Höchste ist deine Zuflucht. Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen.

Ps 91:9–10 · Luther 1912

Der Psalm wiederholt seine Bedingung: Die Zusage gilt dem, der den Höchsten zu seiner Wohnung gemacht hat. Schutz hängt an der Beziehung zu Gott, nicht an richtig aufgesagten Worten.

Engel und eine Zusage, die der Teufel missbrauchte

Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Auf Löwen und Ottern wirst du gehen, und treten auf junge Löwen und Drachen.

Ps 91:11–13 · Luther 1912

Als der Teufel Jesus versuchte, zitierte er genau diese Verse und forderte Ihn auf, sich von der Zinne des Tempels zu stürzen (Matthäus 4:6). Jesus antwortete mit der Schrift, dass man Gott nicht versuchen soll (Matthäus 4:7). MacDonald bemerkt: Jesus bestritt nicht, dass der Vers Ihm galt, wohl aber, dass man ihn als Vorwand benutzen darf, um Gott zu versuchen. Gott hatte Ihm nicht befohlen, vom Tempel zu springen.

Gott sorgt tatsächlich durch Seine Engel für die Seinen (Hebräer 1:14). Löwe und Schlange stehen nach Keil und Delitzsch für zerstörerische Mächte, die offen drohen oder heimlich lauern. Sie erinnern an Jesu Zusage, dass Seine Jünger auf Schlangen und über alle Macht des Feindes treten werden (Lukas 10:19).

Gottes eigene Antwort

Er begehrt mein, so will ich ihm aushelfen; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen. Er ruft mich an, so will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not; ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen. Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.

Ps 91:14–16 · Luther 1912

In den letzten drei Versen spricht Gott selbst. Er verspricht, bei dem zu sein, der an Ihm hängt, gerade in der Not. Henry bemerkt: Gott wird den Gläubigen zu Seiner Zeit befreien und bis dahin in der Not bei ihm sein.

Das lange Leben wird verschieden verstanden. Henry sagt, der Gläubige lebe so lange, bis er sein Werk auf Erden getan hat. MacDonald sieht in den sechs Zusagen Gottes den ganzen Weg Christi abgebildet, bis zu Seiner Auferstehung und Seinem kommenden Reich. Die Zusage, Gottes Heil zu schauen, reicht über dieses Leben hinaus.

Wer hat Psalm 91 geschrieben?

Im hebräischen Text hat der Psalm keine Überschrift, deshalb ist sein Verfasser unbekannt. Rieger erwähnt, dass manche ihn wegen der Nähe zum Gebet des Mose (Psalm 90) Mose zuschreiben; er hält es aber auch für möglich, dass David ihn zur Zeit der Pest schrieb (2. Samuel 24:15). Keil und Delitzsch nennen den Psalm anonym und halten die griechische Überschrift mit Davids Namen für unbegründet. Der Sinn des Psalms hängt an dieser Frage nicht.

Wie Christen Psalm 91 heute lesen

Psalm 91 ist kein Amulett. Keil und Delitzsch berichten, dass er lange als Schutzlied gegen Gefahren gebraucht wurde, doch die Kraft liegt nicht in den Worten. Sie liegt in dem Gott, auf den der Psalm zeigt, und Ihm vertraut man, man benutzt Ihn nicht.

Der Psalm verspricht auch nicht, dass Gläubige nie krank werden, leiden oder sterben. MacDonald stellt sich dieser Frage offen: Wer dem Herrn vertraut, ist unsterblich, bis sein Werk getan ist, und als allgemeine Regel gilt, dass beim Herrn Sicherheit ist. Paulus wurde geschlagen und erlitt Schiffbruch (2. Korinther 11:25–27), und Jesus sagte Seinen Jüngern, dass sie in der Welt Bedrängnis haben würden (Johannes 16:33).

Ausleger unterscheiden sich darin, wie direkt der Psalm von Christus spricht. MacDonald bezieht ihn zuerst auf Jesus und erst in geringerem Maß auf uns. Henry wählt einen Mittelweg: Die Zusagen passen am besten zu Christus und gehören durch Ihn allen Gläubigen.

Mit Psalm 91 beten

  • Machen Sie es persönlich. Eine allgemeine Zusage tröstet wenig, bis wir Gott unsere eigene Zuflucht nennen. Sagen Sie die Verse 1 und 2 Gott als Ihre eigenen Worte.
  • Wohnen, nicht nur vorbeischauen. Die Zusagen beginnen mit einem Leben nahe bei Gott und beständigem Gebet.
  • Versuchen Sie Gott nicht. Vertrauen wartet auf Ihn auf dem Weg der Pflicht; es sucht keine Gefahr, um Ihn zum Handeln zu zwingen.
  • Halten Sie sich an Vers 15. Wenn trotzdem Not kommt, hat Gott Sie nicht im Stich gelassen. Er hat versprochen, darin bei Ihnen zu sein.

Psalm 91 räumt nicht jede Gefahr aus unserem Weg. Er gibt uns einen Ort, an dem wir mitten darin stehen können, im Schatten des Allmächtigen.