Wer hat das Johannesevangelium geschrieben?

Kurze Antwort

Das Evangelium schrieb der Apostel Johannes, der Sohn des Zebedäus, der Jünger, den Jesus liebte. Das Buch selbst nennt diesen Jünger als seinen Verfasser und Augenzeugen, und die frühe Kirche sah in ihm Johannes. Entstanden ist es wahrscheinlich gegen Ende des ersten Jahrhunderts in Ephesus.

Das vierte Evangelium nennt seinen Verfasser nirgends mit Namen. William MacDonald schreibt, das Evangelium selbst schweige zu seiner Verfasserschaft, doch es gebe viele gute Gründe, es dem Apostel Johannes zuzuschreiben. Das Buch gibt Hinweise, und die frühe Kirche hat sie auf dieselbe Weise verstanden.

Das Evangelium nennt seinen Zeugen

Am Ende des Buches, nach dem Gespräch Jesu mit Petrus am See von Tiberias, sagt der Schreiber, wer hinter dem Bericht steht.

Dies ist der Jünger, der von diesen Dingen zeugt und dies geschrieben hat; und wir wissen, daß sein Zeugnis wahrhaftig ist.

Joh 21:24 · Luther 1912

Gemeint ist der Jünger, den Jesus liebte, wie es wenige Verse zuvor heißt (Johannes 21:20). Matthew Henry hält es für merkwürdig, dass manche das letzte Kapitel einem anderen Verfasser zuschreiben, wo doch ausdrücklich gesagt wird, dass der Lieblingsjünger selbst bezeugt.

Wer ist das „wir“ am Ende des Verses? Adolf Schlatter hört hier vielleicht eine andere Stimme: einen Kreis, der Johannes noch gekannt hat und dem Buch sein Zeugnis beigibt, wohl die Christen in Ephesus. Da der Zusatz in keiner alten Handschrift fehlt, wurde er nach Schlatter bald nach der Abfassung angefügt. John MacArthur hält es auch für möglich, dass Johannes selbst oder seine Mitapostel gemeint sind.

Der Lieblingsjünger erscheint in entscheidenden Augenblicken. Beim letzten Mahl lag er direkt neben Jesus.

Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische saß an der Brust Jesu, welchen Jesus liebhatte.

Joh 13:23 · Luther 1912

Schlatter erklärt, dass Johannes deshalb als Einziger leise und unbemerkt mit Jesus sprechen konnte. Derselbe Jünger stand am Kreuz, wo Jesus ihm Seine Mutter anvertraute (Johannes 19:26–27). Er sah, wie der Soldat Jesu Seite durchstach, und betont, dass sein Zeugnis wahr ist (Johannes 19:35). Er lief mit Petrus zum leeren Grab (Johannes 20:2) und erkannte als Erster den Auferstandenen am Ufer (Johannes 21:7).

Warum der Lieblingsjünger Johannes ist

MacArthur kommt durch Ausschluss auf Johannes.

Erstens war der Lieblingsjünger beim letzten Mahl, bei dem Jesus mit den Zwölf aß (Markus 14:17). Er war also einer der Apostel.

Zweitens verbindet ihn das Evangelium eng mit Petrus, und unter den Zwölf standen drei Jesus besonders nahe: Petrus, Jakobus und Johannes. Nur sie nahm Er mit in das Haus des Jairus (Markus 5:37), auf den Berg der Verklärung (Markus 9:2) und weiter in den Garten Gethsemane (Markus 14:33). Petrus ist es nicht, denn beide erscheinen nebeneinander. Jakobus, der Bruder des Johannes, wurde früh von Herodes hingerichtet (Apostelgeschichte 12:2) und konnte das Evangelium Jahrzehnte später nicht geschrieben haben. Bleibt Johannes.

Drittens treten in der Apostelgeschichte Petrus und Johannes oft gemeinsam auf (Apostelgeschichte 3:1), so wie Petrus und der Lieblingsjünger im vierten Evangelium.

Schließlich fällt ein Schweigen auf. MacArthur zählt etwa zwanzig Stellen, an denen die ersten drei Evangelien Johannes beim Namen nennen; das vierte tut es nie, obwohl es andere Jünger genau benennt. Die Söhne des Zebedäus werden nur einmal und ohne Namen erwähnt (Johannes 21:2). MacArthur sieht darin die Demut des Johannes.

Was die frühe Kirche sagte

Die frühe Kirche bestätigt dieses Bild. MacDonald verweist auf Irenäus, der eine Überlieferungskette von Jesus über Johannes und Polykarp bis zu sich selbst aufzeigt, das Evangelium ausführlich zitiert und dem Apostel zuschreibt. Nach ihm erkannten es auch Clemens von Alexandria und Tertullian an. Clemens berichtet, Freunde hätten Johannes gegen Ende seines langen Lebens in Ephesus gebeten, ein Evangelium zu schreiben, das die anderen ergänzt.

Matthew Henry datiert das Evangelium auf etwa 97 n. Chr. Liberale Theologen setzten es lange ins späte zweite Jahrhundert, aber MacDonald weist auf den 1920 in Ägypten gefundenen Papyrus 52 mit Versen aus Johannes 18 hin, der um 125 n. Chr. datiert wird. Er spricht für das traditionelle Datum gegen Ende des ersten Jahrhunderts.

Auch in seinem ersten Brief schreibt Johannes als Augenzeuge, der gehört, gesehen und berührt hat (1. Johannes 1:1–3).

Warum Johannes es schrieb

Wichtiger als die Frage, wer die Feder hielt, ist, warum das Buch geschrieben wurde. Johannes sagt es deutlich.

Diese aber sind geschrieben, daß ihr glaubet, Jesus sei Christus, der Sohn Gottes, und daß ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen.

Joh 20:31 · Luther 1912

MacDonald nennt das Johannesevangelium darum ausdrücklich evangelistisch ausgerichtet. Henry schreibt, Johannes habe die Ereignisse und Reden ausgewählt, die Christi göttliche Macht am klarsten zeigen. Er wollte nicht alles aufschreiben (Johannes 21:25), sondern zeigte das ewige Wort, das Fleisch wurde und unter uns wohnte (Johannes 1:14).

Darum ist die Verfasserfrage wichtig. Stammt dieses Evangelium von einem engen Freund und Augenzeugen Jesu, dann ist sein Bild von Jesus keine spätere Legende, sondern das Zeugnis eines Menschen, der mit Ihm gegangen ist, und es ist gegeben, damit auch du glaubst und Leben hast in Seinem Namen.