Wie kann ich jemandem vergeben, der mich verletzt hat?

Kurze Antwort

Vergeben heißt, den anderen von der Schuld für das erlittene Unrecht freizusprechen, wie Gott in Christus dich freigesprochen hat. Es ist eine Entscheidung des Willens, die du treffen kannst, indem du Gott das gerechte Urteil überlässt, noch bevor der Schmerz nachlässt.

Wenig fällt im christlichen Leben so schwer, wie dem zu vergeben, der uns tief verletzt hat. Die Bibel behandelt das weder als Kleinigkeit noch als bloßes Gefühl. Sie macht die Vergebung zu einem Teil der Nachfolge Jesu und nennt den Grund, der sie möglich macht: Uns ist zuerst vergeben worden.

Vergebt, wie Gott euch vergeben hat

Paulus gründet das ganze Gebot auf das, was Gott bereits getan hat.

Seid aber untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem andern, gleichwie Gott euch vergeben hat in Christo.

Eph 4:32 · Luther 1912

John MacArthur erklärt, dass Menschen, denen Gott so viel vergeben hat, anderen vergleichsweise kleine Kränkungen erst recht vergeben sollten, und er nennt das Gleichnis in Matthäus 18 als das anschaulichste Bild dafür. Dasselbe sagt Paulus im Kolosserbrief.

und vertrage einer den andern und vergebet euch untereinander, so jemand Klage hat wider den andern; gleichwie Christus euch vergeben hat, also auch ihr.

Kol 3:13 · Luther 1912

William MacDonald bemerkt, dass das gegenseitige Ertragen Geduld mit den Fehlern und Eigenheiten der Geschwister meint. Oft brauchen wir Gottes Gnade, um die Art anderer auszuhalten, so wie sie sie brauchen, um unsere auszuhalten. Adolf Schlatter hebt hervor, dass Paulus diese Haltung als das beschreibt, was Christus in allen wirkt und zur Art des neuen Menschen macht.

Vergebung beginnt also nicht mit der Entschuldigung des anderen, sondern mit der Erinnerung daran, wie viel wir Gott schulden.

Wie oft?

Petrus hielt sich für großzügig.

Da trat Petrus zu ihm und sprach: HERR, wie oft muß ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist’s genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: Nicht siebenmal, sondern 70 mal siebenmal.

Mt 18:21–22 · Luther 1912

MacArthur weist darauf hin, dass Rabbiner lehrten, mehr als dreimal zu vergeben sei unnötig; Petrus’ sieben war also schon großzügig. Schlatter ergänzt, Petrus habe erwartet, dass Jesus sich über diese große Zahl freue, und habe eher gefürchtet, zu viel zu sagen. Jesu Antwort musste ihn überraschen. MacDonald schreibt, Jesus habe nicht gemeint, dass man buchstäblich 490 zählen solle, sondern eine unbestimmte Zahl von Malen ausgedrückt. Matthew Henry fügt hinzu, dass es etwas Unrechtes habe, die vergebenen Kränkungen zu zählen, denn das deute an, dass wir Rache nehmen wollen, wenn das Maß voll ist.

Dann erzählte Jesus von dem Knecht, dem eine riesige Schuld erlassen wurde und der einem Mitknecht eine winzige nicht erlassen wollte (Matthäus 18:23–35). MacDonald wendet das Gleichnis schlicht an: Gott hat eine Schuld, die wir nie hätten bezahlen können, vollständig beglichen. Wie sollten wir da eine kleine nicht erlassen?

Was geschieht, wenn wir nicht vergeben

Gleich nach dem Vaterunser kommt Jesus auf diesen einen Punkt zurück.

Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben.

Mt 6:14–15 · Luther 1912

Das sind harte Worte, und sie bedeuten nicht, dass wir uns die Rettung durch Vergeben verdienen. MacArthur erklärt, dass hier nicht gemeint ist, Gott werde denen die Rechtfertigung wieder nehmen, denen in Christus bereits vergeben wurde. Diese Vergebung, die vollständige Befreiung von Schuld, gehört allen, die in Christus sind. Gläubigen, die nicht vergeben, wird dagegen die tägliche Reinigung von Sünde im Bekenntnis verwehrt, die MacArthur mit dem Waschen der Füße statt eines ganzen Bades vergleicht. MacDonald sagt ebenfalls, die im Gebet erwähnte väterliche Vergebung sei bedingt. Ein Herz, das Groll festhält, gerät in Misston mit dem Vater, zu dem es betet.

Was Vergebung ist und was nicht

Vergebung ist eine Entscheidung, und sie kommt vor den Gefühlen. MacDonald schreibt zu Lukas 17, ein Christ, dem Unrecht geschah, solle zuerst dem Täter im Herzen vergeben, was sein eigenes Herz vor Bitterkeit bewahrt, und dann selbst zu ihm gehen (Lukas 17:3–4). Henry ergänzt, dass wir auch dann, wenn der andere nicht bereut, keinen Groll hegen und nicht an Rache denken dürfen.

Das heißt nicht, dass das Unrecht unwichtig war. Es verpflichtet auch nicht zur früheren Nähe: Henry bemerkt, dass wir, wenn der Täter nicht bereut, nicht mehr zu demselben freien und vertrauten Umgang verpflichtet sind wie zuvor. Vergeben ist nicht dasselbe wie sofort wieder vertrauen.

Es heißt auch nicht, das Böse gewinnen zu lassen. Paulus sagt, wir sollen dem Zorn Gottes Raum lassen (Römer 12:19). Die Neue Genfer Studienbibel merkt an, dass die Befreiung vom Rachetrieb möglich ist, weil der Gläubige weiß, dass Gott jedes Unrecht durch sein gerechtes Gericht zurechtbringt. Wir können den Fall einem Richter übergeben, der alles sieht.

Ist die Verletzung tief, kann Vergeben Zeit und viele wiederholte Entscheidungen brauchen. Bitte Gott um Kraft zum Vergeben und sprich mit jemandem, dem du vertraust, etwa einem Pastor oder einem reifen Freund, bei schwerer Wunde auch mit einer Beratungsstelle. Wirst du weiter verletzt, bedeutet Vergeben nicht, in der Gefahr zu bleiben: Sorge zuerst für Sicherheit und Hilfe. Weitere Verse dazu findest du unter Bibelverse über Vergebung.