Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Bedeutung

Kurze Antwort

Jesus erzählt von einem Samariter, der einem verwundeten Reisenden hilft, nachdem ein Priester und ein Levit an ihm vorbeigegangen sind. Das Gleichnis beantwortet die Frage des Schriftgelehrten, wer sein Nächster sei, indem es sie umkehrt: Die Liebe fragt nicht, wem sie helfen muss, sondern erweist jedem Barmherzigkeit, der in Not ist.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter steht nur bei Lukas (Lukas 10:25–37). Jesus erzählte es nicht für sich allein. Es war seine Antwort an einen Schriftgelehrten, der ihn auf die Probe stellen wollte. Um das Gleichnis zu verstehen, beginnen wir deshalb mit diesem Gespräch.

Eine Frage nach dem ewigen Leben

Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Wie steht im Gesetz geschrieben? Wie liesest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst.

Lk 10:25–27 · Luther 1912

William MacDonald meint, der Schriftgelehrte habe kaum aufrichtig gefragt: Er wollte Jesus eine Falle stellen und sprach vom ewigen Leben wie von etwas, das man sich verdienen kann. Jesus verwies ihn auf die Schrift, und der Mann antwortete gut. Er verband zwei Gebote des Alten Testaments: Gott von ganzem Herzen zu lieben (5. Mose 6:5) und den Nächsten wie sich selbst (3. Mose 19:18). Jesus sagte ihm, er solle das tun, dann werde er leben (Lukas 10:28).

John MacArthur erklärt, dass die Verheißung des Gesetzes echt ist, aber kein Sünder es vollkommen halten kann. Seine Forderungen sollen uns deshalb dazu bringen, Gottes Gnade zu suchen. Adolf Schlatter bringt es auf den Punkt: „Nicht darin lag für ihn die Schwierigkeit, daß er den Weg nicht kannte, sondern darin, daß er ihn nicht ging.“ Statt das zuzugeben, wollte der Mann sich rechtfertigen.

Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: «Wer ist denn mein Nächster?

Lk 10:29 · Luther 1912

MacArthur weist darauf hin, dass viele Schriftgelehrte und Pharisäer nur die Gerechten als ihre Nächsten ansahen und meinten, Sünder, Heiden und besonders Samariter hassen zu dürfen. Doch dasselbe Kapitel im 3. Buch Mose gebot Israel, auch den Fremden im Land zu lieben wie sich selbst (3. Mose 19:34).

Die Geschichte, die Jesus erzählt

Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Mörder; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen.

Lk 10:30 · Luther 1912

MacArthur beschreibt den Weg: ein felsiger, gewundener Abstieg von etwa 27 Kilometern mit rund tausend Metern Höhenunterschied, berüchtigt wegen der Räuber. Die Zuhörer Jesu kannten ihn gut.

Es begab sich aber ungefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit; da er kam zu der Stätte und sah ihn, ging er vorüber.

Lk 10:31–32 · Luther 1912

Priester dienten im Tempel, Leviten halfen ihnen. Schlatter erinnert daran, dass Jericho eine Stadt der Priester und Leviten war; nach ihrem Dienst im Heiligtum zogen sie diese Straße nach Hause. Ihr Lebensberuf war der Gottesdienst, und doch gingen sie vorbei. Ausleger raten über ihre Gründe, etwa die Angst vor den Räubern, aber Jesus nennt keine Entschuldigung.

Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß darein Öl und Wein und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein. Des andern Tages reiste er und zog heraus zwei Groschen und gab sie dem Wirte und sprach zu ihm: Pflege sein; und so du was mehr wirst dartun, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Lk 10:33–35 · Luther 1912

Juden und Samariter waren tief verfeindet, und niemand unter den Zuhörern erwartete einen Samariter als Helden. MacArthur erklärt die Einzelheiten: Viele Reisende trugen etwas Öl und Wein als erste Hilfe bei sich, und der Wein diente zur Reinigung der Wunden. Zwei Denare waren der Lohn für zwei Tage Arbeit, wohl genug, damit der Verletzte bis zur Genesung in der Herberge bleiben konnte. Der Samariter gab seine Zeit, seine Vorräte, sein Reittier und sein Geld und versprach noch mehr.

Wer ist der Nächste geworden?

Welcher dünkt dich, der unter diesen dreien der Nächste sei gewesen dem, der unter die Mörder gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihn tat. Da sprach Jesus zu ihm: So gehe hin und tue desgleichen!

Lk 10:36–37 · Luther 1912

Der Schriftgelehrte hatte gefragt, wer sein Nächster sei, also: Wer verdient meine Liebe? Jesus fragt anders: Wer hat als Nächster gehandelt? MacArthur betont diese Wendung: Jeder ist verpflichtet, ein Nächster zu sein, besonders für die, die in Not sind. MacDonald fügt hinzu: Wenn ein Samariter einem Juden ein echter Nächster sein konnte, dann ist jeder Mensch in Not unser Nächster.

Der Schriftgelehrte antwortete richtig, auch wenn er, wie Matthew Henry vermutet, das Wort „Samariter“ nicht über die Lippen brachte. Jesus entließ ihn nicht mit einer Debatte, sondern mit einem Auftrag: Geh hin und handle ebenso.

Was das Gleichnis lehrt

Erstens: Die Liebe setzt keine Grenzen. Henry schreibt, dass wir alle als unsere Nächsten ansehen sollen, die unsere Barmherzigkeit brauchen. Nicht Volk oder Herkunft eines Menschen ruft nach Erbarmen, sondern seine Not.

Zweitens: Das Gleichnis deckt das Herz auf. Der Schriftgelehrte kannte die richtigen Worte, der Priester und der Levit ebenso. Barmherzigkeit zeigt sich aber nicht im Kennen des Gebots, sondern darin, dass man stehen bleibt und hilft.

Drittens: Viele Ausleger sehen im Samariter ein Bild für Christus. Henry und MacDonald vergleichen uns mit dem Verwundeten, der sich nicht selbst helfen kann, und Jesus mit dem verachteten Fremden, der kam, die Wunden verband und für alles bezahlte. Andere warnen davor, aus dem Gleichnis eine Allegorie zu machen, denn seine klare Aussage ist praktisch: Hilf dem, dem du helfen kannst. Beide Lesarten treffen sich. Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat (1. Johannes 4:19), und die Barmherzigkeit, die wir in Jesus empfangen haben, sendet uns, anderen Barmherzigkeit zu erweisen (Galater 6:10).