Das Gleichnis von den Talenten: Bedeutung und Auslegung
Kurze AntwortEin Herr vertraut seinen Knechten vor einer Reise große Geldsummen an; bei seiner Rückkehr belohnt er die zwei, die damit gearbeitet haben, und verurteilt den, der sein Talent aus Angst vergraben hat. Jesus lehrt, dass seine Nachfolger ihm treu mit allem dienen sollen, was er ihnen anvertraut hat, bis er wiederkommt.
Das Gleichnis von den Talenten erzählte Jesus wenige Tage vor seinem Tod, in seiner Rede auf dem Ölberg über seine
Wiederkunft (Matthäus 25:14–30). Es steht zwischen dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen und dem Bild vom
Weltgericht, und alle drei sprechen über die Zeit, in der der Herr abwesend ist.
Was ein Talent war
Gleichwie ein Mensch, der über Land zog, rief seine Knechte und tat ihnen seine Güter aus; und einem gab er fünf Zentner, dem andern zwei, dem dritten einen, einem jeden nach seinem Vermögen, und zog bald hinweg.
Mt 25:14–15 · Luther 1912
John MacArthur erklärt, dass ein Talent eine Gewichtseinheit war, keine Münze, und ein Talent Silber eine sehr große
Geldsumme. Selbst der Knecht mit einem Talent bekam viel anvertraut. Unser heutiges Wort „Talent“ im Sinn von
Begabung stammt aus diesem Gleichnis. MacArthur warnt, dass man es deshalb oft nur als Lehre über die Entfaltung von
Fähigkeiten liest, während es vor allem um Treue gegenüber dem abwesenden Herrn geht.
Adolf Schlatter betont, dass der Herr nicht allen die gleiche Aufgabe zuteilt, sondern jedem nach seinem Vermögen.
Und er schreibt: „Er hinterläßt ihnen nicht nur eine Aufgabe, sondern auch eine Gabe.“ Jesus hat seinen Jüngern
seinen Geist, sein Wort, seinen Frieden und den Zugang zu Gott im Gebet gegeben.
Zwei treue Knechte
Die ersten beiden Knechte machten sich sofort an die Arbeit und verdoppelten, was sie bekommen hatten
(Matthäus 25:16–17). Nach langer Zeit kam der Herr zurück und hielt Abrechnung.
Über eine lange Zeit kam der Herr dieser Knechte und hielt Rechenschaft mit ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte andere fünf Zentner dar und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner ausgetan; siehe da, ich habe damit andere fünf Zentner gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; gehe ein zu deines Herrn Freude!
Mt 25:19–21 · Luther 1912
Der Knecht mit den zwei Talenten hört genau dasselbe Lob (Matthäus 25:22–23). MacArthur zieht den Schluss: Der
Lohn hängt nicht von der Menge ab, sondern von der Treue. William MacDonald ergänzt, dass der Herr weniger darauf
sah, wie viel jeder verdient hatte, als darauf, wie fleißig er gearbeitet hatte. Wer an einem kleinen Platz treu ist,
wird ebenso geehrt wie jemand mit einer großen Aufgabe.
Der Knecht, der sein Talent vergrub
Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wußte, das du ein harter Mann bist: du schneidest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, da du nicht gestreut hast; und fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in die Erde. Siehe, da hast du das Deine.
Mt 25:24–25 · Luther 1912
Der dritte Knecht hat statt Gewinn nur Ausreden. Er beschuldigt seinen Herrn und gibt zu, dass er Angst hatte.
Matthew Henry sieht in ihm Menschen, die meinen, es sei unmöglich, Gott zu gefallen, und vergeblich, ihm zu dienen,
und deshalb nichts tun. Schlatter beschreibt ihn als einen Jünger, der für sich selbst wohl Christ sein möchte, aber
das, was er von Jesus empfangen hat, nicht wachsen lässt. Er stellt ihn neben das Salz, das nicht mehr salzt, und die
Lampe unter dem Scheffel.
Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du Schalk und fauler Knecht! wußtest du, daß ich schneide, da ich nicht gesät habe, und sammle, da ich nicht gestreut habe? so solltest du mein Geld zu den Wechslern getan haben, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine zu mir genommen mit Zinsen.
Mt 25:26–27 · Luther 1912
MacDonald weist darauf hin, dass der Herr die Anklage nicht bestätigt. Er nimmt den Knecht beim Wort: Wenn du mich
für so hart hieltest, hättest du das Geld erst recht arbeiten lassen sollen, wenigstens bei den Wechslern. Seine
eigenen Worte verurteilen ihn.
Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
Mt 25:29 · Luther 1912
Das ist das Grundgesetz des Gleichnisses. MacDonald erklärt es schlicht: Wir verlieren, was wir nicht gebrauchen, und
wer das von Gott Gegebene zu seiner Ehre einsetzt, bekommt mehr Gelegenheit zum Dienst. Dann wird der Knecht
hinausgeworfen (Matthäus 25:30). Nach MacDonald verurteilte ihn nicht eine schlechte Geldanlage; das Fehlen jeder
Frucht zeigte, dass ihm der rettende Glaube fehlte.
Talente und Pfunde
Lukas berichtet eine ähnliche Geschichte von einem Fürsten, der zehn Knechten je ein Pfund, eine Mine, gibt
(Lukas 19:11–27). MacArthur zeigt, dass es ein anderes Gleichnis mit deutlichen Unterschieden ist. Eine Mine war nach Schlatter nur
der sechzigste Teil eines Talents, und Jesus erzählte es auf dem Weg nach Jerusalem, als die Zuhörer meinten, das
Reich Gottes werde sofort erscheinen (Lukas 19:11). Henry deutet einen Unterschied im Sinn an: Das gleiche Pfund
für alle könnte das Evangelium darstellen, das allen Hörern gleich gegeben ist, die verschiedenen Talente dagegen die
verschiedenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die Gott jedem schenkt.
Was das Gleichnis für uns bedeutet
Henry beginnt seine Auslegung mit dem Gedanken, dass Christus keine Knechte hält, damit sie müßig sind. Alles, was
wir haben, Zeit, Gaben, Geld und die Kenntnis des Evangeliums selbst, hat der Herr uns anvertraut, und wir werden
darüber Rechenschaft geben. Petrus sagt dasselbe: Jeder Gläubige soll die empfangene Gabe einsetzen, um anderen zu
dienen (1. Petrus 4:10).
Das heißt nicht, dass wir uns die Rettung durch Nützlichkeit verdienen. Henry stellt klar, dass die Entfaltung
natürlicher Kräfte keinen Anspruch auf Gottes Gnade gibt. Die Rettung ist ein Geschenk, das man im Glauben empfängt.
Aber echter Glaube vergräbt nicht, was er empfangen hat. Er arbeitet aus Liebe zum Herrn und freut sich auf das Lob
und die Freude, die den treuen Knechten verheißen sind. Paulus nennt die eine Bedingung für Verwalter: dass sie treu
befunden werden (1. Korinther 4:2).