Das Gleichnis vom verlorenen Sohn: Bedeutung

Kurze Antwort

Jesus erzählt von einem Sohn, der sein Erbe verschleudert, beschämt nach Hause kommt und von seinem Vater empfangen wird, der ihm entgegenläuft. Das Gleichnis zeigt, wie gern Gott Sünder aufnimmt, die umkehren, und deckt die Selbstgerechtigkeit des älteren Bruders auf, der diese Gnade nicht gönnt.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn gehört zu den bekanntesten Geschichten, die Jesus erzählt hat (Lukas 15:11–32). Manche nennen es auch das Gleichnis vom barmherzigen Vater. Denn es hat drei Hauptpersonen, und die Ausleger sind sich einig, dass der Vater und der ältere Bruder ebenso viel Gewicht haben wie der Sohn, der fortging.

Warum Jesus das Gleichnis erzählte

Lukas nennt den Anlass.

Es nahten aber zu ihm allerlei Zöllner und Sünder, daß sie ihn hörten. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isset mit ihnen.

Lk 15:1–2 · Luther 1912

Zöllner trieben Steuern für Rom ein, und „Sünder“ nannten die Pharisäer Menschen, die das Gesetz nicht hielten. Adolf Schlatter betont, dass gerade die Geächteten zu Jesus kamen, für die in Israel niemand Rat wusste. John MacArthur nennt den Vorwurf, Jesus nehme Sünder an, den Schlüssel zu allen drei Gleichnissen des Kapitels.

Jesus antwortet mit einem Hirten, der ein verlorenes Schaf findet (Lukas 15:3–7), einer Frau, die eine verlorene Münze findet (Lukas 15:8–10), und einem Vater, der seinen Sohn zurückbekommt. Jede Geschichte endet mit Freude. William MacDonald fasst zusammen: Gott freut sich über Sünder, die umkehren, und hat kein Gefallen am Stolz derer, die ihre Verlorenheit nicht zugeben.

Die Geschichte in Kürze

Der jüngere von zwei Söhnen verlangt sein Erbteil, solange der Vater noch lebt.

Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngste unter ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Teil der Güter, das mir gehört. Und er teilte ihnen das Gut. Und nicht lange darnach sammelte der jüngste Sohn alles zusammen und zog ferne über Land; und daselbst brachte er sein Gut um mit Prassen.

Lk 15:11–13 · Luther 1912

Die Ausleger beurteilen diese Bitte unterschiedlich. MacArthur sieht darin fast den Wunsch, der Vater wäre tot. Albert Barnes und Adam Clarke weisen darauf hin, dass ein Sohn in der damaligen Welt sein Teil manchmal schon vorher fordern konnte. Matthew Henry nennt die Wurzel: Es ist schlimm, wenn Menschen Gottes Gaben als Schulden ansehen, die man ihnen zahlen muss.

Das Geld geht aus, eine Hungersnot kommt, und der junge Mann hütet Schweine. Für einen Juden, schreibt MacArthur, war kaum ein tieferer Fall denkbar, denn Schweine galten als die unreinsten Tiere. Da kommt er zu sich.

Da schlug er in sich und sprach: Wie viel Tagelöhner hat mein Vater, die Brot die Fülle haben, und ich verderbe im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!

Lk 15:17–19 · Luther 1912

Er legt sich zurecht, was er sagen will, und geht heim, in der Hoffnung, wenigstens Tagelöhner zu werden. Doch der Vater sieht ihn zuerst.

Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Da er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn.

Lk 15:20 · Luther 1912

Nach MacArthur hat der Vater offensichtlich gewartet und gehofft, und sein Laufen zeigt seinen Eifer und seine Freude. Der Vater lässt den Sohn nicht einmal ausreden, als er bitten will, Tagelöhner zu werden.

Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringet das beste Kleid hervor und tut es ihm an, und gebet ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße, und bringet ein gemästet Kalb her und schlachtet’s; lasset uns essen und fröhlich sein! denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Lk 15:22–24 · Luther 1912

MacArthur erklärt die Gaben: das beste Gewand für einen Ehrengast, der Ring als Zeichen der Vollmacht und Schuhe, die Sklaven gewöhnlich nicht trugen. Alles sagt dasselbe: Hier steht ein Sohn, kein Knecht.

Der ältere Bruder

Das Gleichnis endet nicht mit dem Fest. Der ältere Sohn kommt vom Feld, hört die Musik und will nicht hineingehen.

Da ward er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er aber antwortete und sprach zum Vater: Siehe, so viel Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten; und du hast mir nie einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber dieser dein Sohn gekommen ist, der sein Gut mit Huren verschlungen hat, hast du ihm ein gemästet Kalb geschlachtet.

Lk 15:28–30 · Luther 1912

Er nennt den Heimgekehrten nicht seinen Bruder, sondern den Sohn des Vaters. Schlatter bemerkt, dass Jesus mit den Worten des Älteren beschreibt, was im Herzen der Pharisäer ist. MacArthur ergänzt, dass der Ältere offenbar um des Lohnes willen gedient hat. Doch auch zu ihm geht der Vater hinaus.

Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und gutes Muts sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist wieder gefunden.

Lk 15:31–32 · Luther 1912

MacDonald, MacArthur und Henry sehen im älteren Bruder ein Bild der Pharisäer und Schriftgelehrten, im jüngeren die Zöllner und Sünder. Schlatter sieht im Werben des Vaters um den Zornigen Gottes Gnade nicht weniger hell bezeugt als in der Aufnahme des Verlorenen. Ob der Ältere hineinging, sagt Jesus nicht. Die Frage bleibt bei den Hörern.

Was das Gleichnis lehrt

Erstens zeigt es, was Umkehr ist. Als der Sohn zu sich kommt, erkennt er nach MacArthur nicht nur seine Not, sondern auch den Ernst seiner Sünde gegen Gott und gegen den Vater. Dann steht er auf und geht heim.

Zweitens zeigt es Gottes Gnade. Der Sohn wird aufgenommen, bevor er irgendetwas beweisen kann. Paulus schreibt, dass Gott Seine Liebe darin erweist, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren (Römer 5:8), und dass wir aus Gnade durch Glauben gerettet sind, nicht aus Werken (Epheser 2:8–9). Mehr dazu: Was ist Gnade?

Drittens warnt es vor dem Geist des älteren Bruders. Man kann immer nahe beim Haus des Vaters sein und doch seine Freude nicht teilen.

So lädt das Gleichnis in zwei Richtungen ein. Wer fern ist wie der jüngere Sohn, für den ist der Weg nach Hause offen. Wer eher dem älteren gleicht, zu dem kommt der Vater ebenfalls heraus. Jesus kam, um Verlorene zu suchen und heimzubringen (Lukas 19:10).