Psalm 139: Text und Bedeutung

Kurze Antwort

Psalm 139 ist Davids staunendes Gebet: Gott kennt ihn ganz, ist überall gegenwärtig und hat ihn im Mutterleib gebildet. Diese Wahrheit warnt und tröstet zugleich: Vor Gott ist nichts verborgen, und niemand ist außerhalb Seiner Reichweite. Der Psalm endet mit der Bitte, Gott möge das Herz erforschen und auf ewigem Weg leiten.

Psalm 139 gehört zu den persönlichsten Gebeten der Bibel. David hält keinen Vortrag über Gottes Wissen und Gegenwart, sondern spricht mit Gott darüber, wie gründlich Gott ihn kennt. Carl Heinrich Rieger nennt ihn ein unvergleichliches Bekenntnis von Gottes Allwissenheit, Allgegenwart und Vorsehung. Hier ist, was er Abschnitt für Abschnitt sagt.

Zur Zählung: In der Lutherbibel und den meisten heutigen Übersetzungen ist es Psalm 139. In der orthodoxen Tradition und in älteren katholischen Bibeln, die der alten griechischen Zählung folgen, ist derselbe Psalm Psalm 138.

Wer Psalm 139 schrieb

Die Überschrift nennt David. Albert Barnes sieht keinen Grund, daran zu zweifeln, und hält den Psalm für ein Zeugnis von Davids reifen Gedanken. John MacArthur nennt den Anlass unbekannt und vermutet, David habe sich daran erinnert, dass der Herr das Herz ansieht (1. Samuel 16:7).

William MacDonald fasst den Gedankengang so zusammen: Gott weiß alles, Er ist überall, Er kann alles, und wer sich einem so großen Gott widersetzt, hat sein Gericht verdient. MacArthur teilt entsprechend in vier Teile: Allwissenheit (Verse 1–6), Allgegenwart (7–12), Allmacht (13–18) und Davids Hingabe (19–24).

Du kennst mich

Ein Psalm Davids, vorzusingen. HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehest meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehest alle meine Wege.

Ps 139:1–3 · Luther 1912

Das Wort für Erforschen, erklärt Barnes, wurde ursprünglich vom Graben nach Wasser oder Metall gebraucht. Gott kennt uns, schreibt MacDonald, mit Worten und Taten, Gedanken und Motiven, in- und auswendig. Sitzen und Aufstehen, Gehen und Liegen umfassen den ganzen gewöhnlichen Tag. Matthew Henry betont, dass David nicht sagt, Gott wisse alles im Allgemeinen. Er sagt, Gott kenne ihn.

Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wissest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen.

Ps 139:4–6 · Luther 1912

Bevor ein Wort auf der Zunge ist, kennt Gott es; die Zukunft ist Ihm so offen wie Vergangenheit und Gegenwart, sagt MacDonald. Weil Er uns so genau kennt, kann Er uns von hinten und von vorn bewahren. Gottes Erkenntnis ist für unseren Verstand zu hoch, aber wo unser Verstehen endet, können wir anbeten. MacArthur verweist auf Paulus’ Lob der Tiefe von Gottes Weisheit (Römer 11:33).

Wohin sollte ich gehen?

Wo soll ich hin gehen vor deinem Geist, und wo soll ich hin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten.

Ps 139:7–10 · Luther 1912

David plant keine Flucht; Henry erklärt, dass er sich nichts mehr wünschte, als bei Gott zu sein, und hier nur einen Gedanken durchspielt. Barnes versteht Gottes Geist hier als Gott selbst, der Geist ist und darum überall gegenwärtig (Johannes 4:24); MacArthur denkt an den Heiligen Geist. MacDonald grenzt ab: Allgegenwart ist nicht Pantheismus. Gott ist eine Person, verschieden von Seiner Schöpfung. Die Flügel der Morgenröte deutet er als die Strahlen der aufgehenden Sonne, die mit Lichtgeschwindigkeit über den Himmel eilen. Auch Jona wollte fliehen und fand Gott dort (Jona 1:3).

Und Gottes Gegenwart ist keine kalte Überwachung. Auch am äußersten Meer leitet und hält Seine Hand.

Spräche ich: Finsternis möge mich decken! so muß die Nacht auch Licht um mich sein. Denn auch Finsternis nicht finster ist bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht.

Ps 139:11–12 · Luther 1912

Wer sich wünscht, die Finsternis möge ihn vor Gott verbergen, vertraut nach MacDonald einer falschen Zuflucht. Henry zieht daraus die Warnung, dass auch heimliche Sünde vor Gott offen liegt. Aber er zieht auch den Trost: Den Gläubigen kann weder Entfernung noch Dunkelheit noch der Tod aus der Gegenwart seines allmächtigen Freundes reißen.

Wunderbar gemacht

Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, daß ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und das erkennet meine Seele wohl. Es war dir mein Gebein nicht verhohlen, da ich im Verborgenen gemacht ward, da ich gebildet ward unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet war, und alle Tage waren auf dein Buch geschrieben, die noch werden sollten, als derselben keiner da war.

Ps 139:13–16 · Luther 1912

Jetzt nennt David den tiefsten Grund, warum Gott ihn kennt: Gott hat ihn gemacht. Keil und Delitzsch beschreiben, wie Gott das Kind im Mutterleib mit Knochen, Sehnen und Adern durchwirkt (vgl. Hiob 10:11), und bemerken, dass Israels Weisheit das Werden eines Kindes zu den größten Geheimnissen zählte (Prediger 11:5). MacDonald staunt über die Komplexität des menschlichen Körpers und meint, je mehr wir darüber nachdenken, desto mehr wundert es, wie jemand nicht an einen Schöpfer glauben kann.

Die Tiefen der Erde stehen nach MacDonald für den verborgenen Mutterleib. Er bemerkt auch, dass David von seinem Embryo mit „ich“ und „mein“ spricht: Nach biblischer Sicht existiert die Person schon vor der Geburt. Das Wort für den ungeformten Keim bedeutet nach Barnes etwas Zusammengerolltes, den Embryo, dessen Glieder sich noch nicht entfaltet haben.

Das Buch in Vers 16 vergleicht Gottes Sinn mit einem Verzeichnis. MacArthur sieht darin Gottes souveränen Plan für Davids Tage, schon vor seiner Empfängnis.

Gottes Gedanken über uns

Aber wie köstlich sind vor mir, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihrer so eine große Summe! Sollte ich sie zählen, so würde ihrer mehr sein denn des Sandes. Wenn ich aufwache, bin ich noch bei dir.

Ps 139:17–18 · Luther 1912

Gottes Wissen um David ist nicht kalt. Henry erklärt, dass Gottes Gedanken über Seine Leute Gedanken des Guten sind und zahlreicher, als man zählen kann. Das Erwachen bei Gott bezieht MacDonald auf Davids Geburt, Henry dagegen auf jeden Morgen: Wer seine ersten Gedanken Gott schenkt, behält Ihn den ganzen Tag vor Augen.

Die schweren Verse

Ach Gott, daß du tötetest die Gottlosen, und die Blutgierigen von mir weichen müßten! Denn sie reden von dir lästerlich, und deine Feinde erheben sich ohne Ursache. Ich hasse ja, HERR, die dich hassen, und es verdrießt mich an ihnen, daß sie sich wider dich setzen. Ich hasse sie in rechtem Ernst; sie sind mir zu Feinden geworden.

Ps 139:19–22 · Luther 1912

Die plötzliche Wendung gegen die Gottlosen überrascht viele Leser. Barnes gibt zu, dass sie schwer zu erklären ist, vermutet aber, dass der Gedanke an den allsehenden Gott David an jene denken ließ, die Ihm trotzen. MacDonald betont, dass Davids Hass nicht aus persönlicher Kränkung kam, sondern daher, dass diese Menschen Gott hassten. Hass meint nach Barnes völlige Missbilligung ihres Tuns und die Weigerung, sich ihnen anzuschließen.

Henry fügt ein wichtiges Gegengewicht hinzu: Alle, die den Herrn fürchten, hassen die Sünde und bedauern den Sünder; während wir ihre Wege meiden, sollen wir für sie beten. Jesus lehrte, die Feinde zu lieben und für sie zu beten (Matthäus 5:44).

Erforsche mich, Gott

Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ich’s meine. Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Ps 139:23–24 · Luther 1912

Keil und Delitzsch zeigen, wie sich der Kreis schließt: Was am Anfang festgestellt wurde, dass Gott ihn erforscht hat, wird nun zur Bitte. Barnes sieht darin Aufrichtigkeit und Misstrauen gegen sich selbst, denn das Herz täuscht sich leicht. Rieger beschreibt, wie wohl es einer Seele tut, vor dem nahen Gott keine Heimlichkeiten zu haben.

Der böse Weg kann nach dem hebräischen Wort ein Weg des Götzendienstes oder ein Weg des Schmerzes sein, erklärt Barnes; Keil und Delitzsch denken an einen Weg, der in Schmerz endet. Der ewige Weg ist sein Gegenteil: MacArthur sieht darin Davids Sehnsucht nach ewigem Leben.

Was Psalm 139 für dich bedeutet

Dieser Psalm warnt und tröstet zugleich. Nichts ist verborgen, aber niemand ist vergessen. Der Gott, der das Schlimmste von dir weiß, hat dich mit Sorgfalt gebildet, hält dich im Dunkeln und denkt öfter an dich, als du zählen kannst.

So endet der Psalm dort, wo jedes ehrliche Gebet beginnen kann: Bitte Gott, dein Herz zu erforschen, dir zu zeigen, was nicht stimmt, und dich auf Seinem Weg zu leiten.